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5 Fragen an die Sammlungen

Einleitung

Das Völkerkundemuseum der Universität Zürich pflegt etwa 50’000 Objekte und umfangreiche Archive an Ton-, Bild-, Film- und Schriftdokumenten – Mosaikstücke von Wissenswelten aus vielen Regionen der Erde. Hervorgegangen ab 1889 aus einer ethnographischen, ab 1914 universitären Lehrsammlung, etablierte sich das Völkerkundemuseum 1972 als öffentliches Museum der Universität.

Zum Anlass unseres 50-jährigen Bestehens blicken wir nach vorne. Welche Bedeutungen hat dieses Kulturerbe heute? Wir folgen dem britischen Ethnologen Paul Basu. Er bezeichnet ethnologische Sammlungen als «Objekt-Diasporas», mit denen langfristige Beziehungen angelegt werden. Diese Beziehungen verpflichten uns. Und die Sammlungen bieten dabei Chancen der Verständigung und des neu Aufeinander-Zugehens.

Im Bekenntnis zu Dekolonisierung, Vielfalt und Vielstimmigkeit in der Museumspraxis fragen wir: Wie können wir das zum Teil seit über 100 Jahren in den Sammlungen gespeicherte Wissen mit den Urheber:innen der Objekte und ihren Nachkommen nachhaltig teilen? Wie begegnen wir einander?

Das Völkerkundemuseum der Universität Zürich pflegt etwa 50’000 Objekte und umfangreiche Archive an Ton-, Bild-, Film- und Schriftdokumenten – Mosaikstücke von Wissenswelten aus vielen Regionen der Erde. Hervorgegangen ab 1889 aus einer ethnographischen, ab 1914 universitären Lehrsammlung, etablierte sich das Völkerkundemuseum 1972 als öffentliches Museum der Universität.

Zum Anlass unseres 50-jährigen Bestehens blicken wir nach vorne. Welche Bedeutungen hat dieses Kulturerbe heute? Wir folgen dem britischen Ethnologen Paul Basu. Er bezeichnet ethnologische Sammlungen als «Objekt-Diasporas», mit denen langfristige Beziehungen angelegt werden. Diese Beziehungen verpflichten uns. Und die Sammlungen bieten dabei Chancen der Verständigung und des neu Aufeinander-Zugehens.

Im Bekenntnis zu Dekolonisierung, Vielfalt und Vielstimmigkeit in der Museumspraxis fragen wir: Wie können wir das zum Teil seit über 100 Jahren in den Sammlungen gespeicherte Wissen mit den Urheber:innen der Objekte und ihren Nachkommen nachhaltig teilen? Wie begegnen wir einander?

Die 5 Fragen

In der Werkstattreihe machen wir unsere Museumsarbeit sichtbar. Wir laden Sie ein, verschiedene Prozesse mitzuerleben, mitzudenken und sich einzubringen. Entlang von fünf Fragen an die Sammlungen werden dabei Grundlagen für Dialog und Verständigung geschaffen:

Kontext
Aus welchen Wissenswelten gelangten die Sammlungen in die Schweiz?

Provenienz
Was haftet den Objekten aufgrund ihrer Geschichte(n) an?

Könnerschaft
Worüber sollten wir uns verständigen?

Zeitgenossenschaft
Wer sprach und wer spricht gleichzeitig miteinander?

Rückbindung
Welche Bedeutung haben die Sammlungen für Menschen ihrer Urhebergemeinschaften?

Erfahren und entdecken Sie selbst, wie jede Sammlung entlang dieser Fragen unterschiedlich lesbar wird und wie sich dadurch der Blick auf die Objekte verändert und weitet.

Kontext – Aus welchen Wissenswelten gelangten die Sammlungen in die Schweiz?

Gesellschaften hinterlassen im Materiellen ihre Spuren: in der Ordnung und Biografie ihrer Dinge; in Material, Technik und Herstellung; in Gebrauch und sozialer Zuordnung der Objekte; in Symbolik und Bedeutung von Dingen, in Sprache und Gestik zum jeweiligen Gegenstand. Menschen sind besorgt um die nachhaltige Weitergabe des erforderlichen Wissens. Wir lernen von Kindesbeinen an, uns in der materiellen Kultur, die uns umgibt, zu bewegen. Jedes Objekt ist dabei wie ein Mosaikstück einer Wissenswelt, die parallel zu vielen weiteren Wissenswelten ihre eigene Berechtigung hat.

Auf den Karteikarten oder in der Datenbank ethnologischer Museen finden sich jedoch oft nur spärliche Informationen. Selten wurden die Zusammenhänge des Wissens, das mit den Objekten in einer Sammlung bewahrt wird, ausreichend dokumentiert. So besteht ein Grossteil der Arbeit im Museum darin, die Kontexte der Objekte zu erforschen. Mit Gemeinschaften der Urheber:innen, mit deren Nachkommen, verständigen wir uns über ihre im Museum bewahrte «Objekt-Diaspora». Dabei kommt es darauf an, einander gut zuzuhören.

Ohne Kontext sind die Objekte stumm, bleibt das mit ihnen bewahrte Wissen verborgen. Die Werkstattreihe sucht nach Möglichkeiten der gemeinsamen Verständigung über die Bedeutungszusammenhänge von Sammlungen.

Provenienz – Was haftet den Objekten aufgrund ihrer Geschichte(n) an?

Jedes im ethnologischen Museum bewahrte Objekt hat seine Geschichte(n). Meist kennen wir die Biografie der Herstellung und Benutzung kaum. Und: Unter welchen Umständen wurde ein Objekt an wen abgegeben? Wie gelangte es ins Museum? Erhalten sind am ehesten schriftliche Berichte oder Korrespondenzen, die zumindest teilweise Auskunft über Herkunfts- und Sammelkontexte geben. Hier setzt die Provenienzforschung im Allgemeinen an.

Objektforschung wird heute nach Möglichkeit gemeinsam mit Urheber:innen oder deren Nachkommen durchgeführt. Dabei geht es auch um die mitunter problematischen Herkunfts- und Aneignungskontexte. Ethische Verantwortung und die Anerkennung von Urheberschaft verpflichten uns dazu, der Provenienz von Objekten nachzugehen.

Der Blick auf die Sammlungen verändert sich, sobald wir die Geschichten von Objekten rekonstruieren können. Unmittelbar stellen sich Fragen nach Verpflichtungen, die einem Objekt aufgrund seiner Herkunft anhaften. Die Erinnerungen und Sichtweisen von Urheber:innen und ihren Nachkommen bezüglich ihrer Objekt-Diaspora müssen bei uns Gehör finden. Die Werkstattreihe öffnet sich einer zukunftsgerichteten Provenienzforschung. Ein neuer Umgang mit dem bewahrten Kulturerbe und seinen Geschichten muss nach Möglichkeit gemeinsam gefunden werden. Auch Restitution kann dabei ein Thema sein.

Könnerschaft – Worüber sollten wir uns verständigen?

Alle Gesellschaften haben eigene Vorstellungen von dem, was man können muss, um im Leben in einer vertrauten Umgebung zu bestehen. Menschen verinnerlichen Könnerschaft als Mass und als Wert. Dabei geht es um Handfertigkeit ebenso wie um soziale Kompetenzen oder darum, wie ein Ritual mit den richtigen Objekten korrekt durchgeführt wird. Könnerschaft treibt Menschen individuell zu immer neuen Herausforderungen. Als Erwachsene streben wir danach, dass die nachfolgende Generation Könnerschaft erwirbt.

Mit den Sammlungen in den ethnologischen Museen wird Könnerschaft, werden skills bewahrt, die erforderlich waren, um die Objekte herzustellen, zu verwenden oder sie betreffendes Wissen weiterzugeben. Erst wenn wir die Könnerschaft kennen, die quasi in den Objekten steckt, können wir miteinander ins Gespräch kommen.

Die Werkstattreihe öffnet das Museum für die Verständigung über Könnerschaft und skills. Unser Blick erweitert sich, wenn wir Urheber:innen als Könner:innen ansprechen. Mit welchem Können bei uns sind ihre skills vergleichbar? Wie hat sich Könnerschaft vor Ort verändert, seit die Objekte in die Sammlungen gelangten? Bewahrt das Museum möglicherweise Zeugnisse von Könnerschaft, die für die Zukunft wichtig sind? Und schliesslich: Wem gehört das in die Objekte eingeschriebene Wissen?

Zeitgenossenschaft – Wer sprach und wer spricht gleichzeitig miteinander?

Als Zeitgenoss:innen bezeichnen wir Menschen, die zur selben Zeit leben oder gelebt haben. Die Verweigerung von Zeitgenossenschaft ist eine Strategie der Machtausübung: Kolonialismus und Sklaverei waren auch deshalb möglich, weil viele Menschen in Europa ihre Zeitgenoss:innen in den eroberten Gebieten nicht als gleichwertig anerkannten. Stattdessen wurden deren Gesellschaften von der europäischen Politik und Wissenschaft in einer vormodernen Zeit verortet, ihrer Geschichte gleichsam entzogen.

Zeitgenossenschaft, Diversität und Vielstimmigkeit sind uns heute ein hohes Gut. Dies verändert die Museumspraxis nachhaltig. Eine besondere Herausforderung besteht darin, Zeitgenossenschaft auch für die Vergangenheit sichtbar zu machen. Welche Zeitgenoss:innen trafen im Moment des Sammelns von Objekten aufeinander? Wie geben wir den vielstimmigen Sichtweisen auf die Sammlungen, den zahlreichen Erinnerungen an die Objekte heute und für die Zukunft Raum?

Die Werkstattreihe öffnet sich einer Besinnung auf die Begegnung von Menschen. Die Welt und die im Museum bewahrten Objekte erscheinen anders, sobald wir die Urheber:innen und die Sammler:innen, die einander begegneten, als Zeitgenoss:innen verstehen. Wie verständigten sie sich miteinander? Wie nahmen die Europäer:innen und die Urheber:innen der Objekte einander wahr? Und wie wirken diese Wahrnehmungen bis heute nach? Wie sprechen wir heute miteinander?

Rückbindung – Welche Bedeutung haben die Sammlungen für Menschen ihrer Urhebergemeinschaften?

Ethnologische Museen bewahren Mosaikstücke materiellen und immateriellen Wissens und Könnens aus vielen Weltregionen – für wen eigentlich?

Lange Zeit bestand die Aufgabe der ethnologischen Museen auch in der Schweiz darin, das hiesige Publikum über das gesellschaftliche und kulturelle Leben von Menschen in anderen Weltregionen zu unterrichten. Die Objekte dienten dabei eher als Anschauungsmaterial. Die Dargestellten kamen selten angemessen zu Wort. Diese Deutungshoheit Europas ist inzwischen in Kritik geraten. Aktuell wird daher debattiert, welche Rolle ethnologische Museen in Zukunft spielen sollen.

Der britische Ethnologe Paul Basu bezeichnet ethnologische Sammlungen als «Objekt-Diasporas». Im Moment des Sammelns wurden gegenseitige Beziehungen angelegt. Diesen Beziehungen sehen wir uns verpflichtet. Welche Urheber:innen der im Völkerkundemuseum der Universität Zürich bewahrten Objekte lassen sich heute ausmachen? Was wissen die Menschen der Urhebergemeinschaften über den Verbleib ihres Kulturerbes in der Schweiz und welchen Wert hat dieses heute für sie? Diese Fragen können nur sie selbst beantworten – auch, ob ihr Kulturerbe an sie zurückgegeben werden muss.

Die Werkstattreihe öffnet sich neuen Formen von Beziehungsgestaltung und erkundet dabei auch, wie Forschungsfragen künftig gemeinsam erarbeitet werden können. Welche Voraussetzungen braucht es also für die Rückbindung von Wissen, von Objekten, von Archivalien in den Museen in die Urhebergesellschaften?